Seminar: Nature Writing (WiSe 19/20)

Was der aus der amerikanischen Literaturkritik kommende Begriff Nature Writing meint, erläutert am bündigsten die Ausschreibung des vom Berliner Verlag Matthes & Seitz gestifteten Deutschen Preises für Nature Writing. Sie verweist auf literarische Traditionen, in denen sich “Autorinnen und Autoren mit der Wahrnehmung von Natur, mit dem praktischen Umgang mit dem Natürlichen, mit der Reflexion über das Verhältnis von Natur und Kultur und mit der Geschichte der menschlichen Naturaneignung auseinandersetzen. Genreübergreifend findet dabei sowohl essayistisches als auch lyrisches und episches Schreiben Berücksichtigung. Die Thematisierung von ‘Natur’ schließt die Dialektik von äußerer und innerer Natur ebenso ein wie die Auflösung der Grenzen von Kultur und Natur, aber auch die Möglichkeiten oder Probleme des Schutzes von Naturerscheinungen und natürlichem Geschehen. Nature Writing spricht nicht von ‘der Natur als solcher’, sondern von der durch Menschen wahrgenommenen, erlebten und erkundeten Natur. Die leibliche Präsenz, die konkrete Tätigkeit des Erkundens und die Reflexion auf die gewonnenen Erkenntnisse werden in der Regel im Text fassbar.”

Der Begriff des Nature Writing ist zuerst im Blick auf Texte der amerikanischen Romantik entwickelt worden, Henry Thoreaus Bericht Walden etwa oder Ralph Waldo Emersons benachbarten Essay Nature; die Sache selbst aber geht zurück bis auf die Anfänge der Aufklärung. In diesem komparatistischen Seminar sollen exemplarische Texte erörtert werden, in denen Lebewesen und Phänomene der nichtmenschlichen “Natur” selbst als (Mit-) Akteure erscheinen: Erzählungen, Gedichte, Reisebücher und Essays der amerikanischen (Thoreau, Emerson), französischen (Jean-Marie Le Clézio), schweizerischen (Albrecht von Haller), skandinavischen (Henrik Wergeland, Strindberg) und deutschen Literatur (Goethe, Droste-Hülshoff, Adalbert Stifter, Wilhelm Lehmann). Einbezogen werden soll auch die unmittelbare Gegenwartsliteratur, in der das Nature Writing eine ganz neue Aktualität und Produktivität gewinnt (Klaus Böldl, Marion Poschmann u. a.).

Lektüreempfehlungen:

Gabriele Dürbeck / Urte Stobbe (Hg.), Ecocriticism: Eine Einführung, Köln u. a. 2015;
Benjamin Bühler, Ecocriticism: Grundlagen, Theorien, Interpretationen, Stuttgart 2016.