Vorlesung: Ökologie und Literatur vom Barock zur Frühen Moderne

Im Übergang vom 17. zum 18. Jahrhundert entstehen in der Beschäftigung mit dem Begriff der “Natur” die theoretischen Grundzüge dessen, was mit einem späteren Begriff “Ökologie” heißen wird. Dabei spielt die Literatur eine wesentliche Rolle. Naturwissenschaftler wie Carl von Linné entwickeln die neuartige Sicht auf die Beziehungen etwa zwischen menschlicher Ökonomie und der Natur als “Oeconomia Dei” nicht nur in theoretischen Abhandlungen, sondern auch mit erzählerischen Mitteln. Mit Dichtern wie Barthold Hinrich Brockes und mit gleichermaßen wissenschaftlich und literarisch publizierenden Autoren wie Albrecht von Haller und Lichtenberg (beide im aufgeklärten Göttingen) setzt eine genuin literarische Auseinandersetzung mit ökologischen Fragen ein, die schon erstaunlich früh und mit großem Nachdruck auch die Zerstörbarkeit der Natur in globalen Dimensionen in den Blick nimmt. In Goethes “Metamorphose der Pflanzen”, im zweiten Teil des “Faust” und im Romanexperiment “Wilhelm Meisters Wanderjahre”, aber auch in Dichtungen von naturwissenschaftlich geschulten Romantikern wie Novalis oder Arnim gehen die dort entworfenen Modelle in Hauptwerke der goethezeitlichen Literatur ein. Mit dem Entstehen einer programmatisch “realistischen” Literatur im 19. Jahrhundert schließlich geben die schockierenden Erfahrungen der anbrechenden Industriellen Revolution der Einsicht in die Zerstörbarkeit der natürlichen Lebensgrundlagen eine neue Dringlichkeit (von Droste-Hülshoffs Gedichten und der Novelle “Die Judenbuche” über Adalbert Stifters “Der beschriebene Tännling” bis zu Wilhelm Raabes Roman “Pfisters Mühle” und bis zu Henrik Ibsens Schauspiel “Ein Volksfeind”).

In der Vorlesung soll diese gleichermaßen wissenschaftliche und literarische Entwicklungslinie, von den Anfängen in der Aufklärungszeit bis ins 19. Jahrhundert, anhand exemplarischer Texte rekonstruiert werden. Dabei soll es auch um die Frage gehen, welche Funktion literarische Ausdrucksformen für die Ausprägung und Vermittlung wesentlicher Denkfiguren gespielt haben – und damit um eine hermeneutische Präzisierung dessen, was mit dem Schlagwort “Eco Criticism” zusammengefasst wird.

Literatur:
Zur Vorbereitung empfiehlt sich extensive Lektüre im Werk der genannten Autoren sowie zur systematischen Einführung Gabriele Dürbeck/Urte Stobbe (Hg.): Ecocriticism. Eine Einführung, Köln 2015, und Maren Ermisch/Ulrike Kruse/Urte Stobbe (Hg.): Ökologische Transformationen und literarische Repräsentationen. Göttingen 2010.

Dienstag 10:15-11:45, Gebäude Waldweg 26, Raum 0.120

Folien zur Vorlesung zum Download

Ökologie 2018, Kap. 1, Lichtenberg
Ökologie 2018, Kap. 2, Brockes
Ökologie 2018, Kap. 3, Haller
Ökologie 2018, Kap. 4, Linné
Ökologie 2018 Kap. 5 Goethe 1
Ökologie 2018 Kap. 6 Goethe 2
Ökologie 2018 Kap. 7 Goethe und Humboldt
Ökologie 2018 Kap. 8 Arnim