WS 2020/21 Masterseminar: Von Odysseus zu Ulysses: Odysseus in der Weltliteratur (mit Dr. Jörg Bank)

In der zeitlosen Geschichte um die Heimkehr des Odysseus entfaltet Homer die gesamte Breite der Erzähltechnik: Momentaufnahmen und Beschreibungen in Zeitlupe, Großeinstellungen und Fixierungen auf Details, eingeblendete Selbstgespräche und immer wieder Erzählungen in der Erzählung. Seither fasziniert der listenreiche Odysseus Künstler und Philosophen aller Epochen der abendländischen Geistesgeschichte. Die Werke Vergils und Ovids sind erfüllt von Bezügen auf die Odyssee, die Kirchenväter deuten die Taten des “vielgewanderten Mannes” als christliche Allegorien. Dante verbannt den “Heimatlosen” in den achten Kreis der Hölle, wo er inmitten anderer “betrügerischer Ratgeber” büßt und doch bereits wie ein Held jener Aufklärung wirkt, zu dem er schließlich in Adornos / Horkheimers Dialektik der Aufklärung (1944) avanciert. In Joyces Ulysses (1922) wird Odysseus zum Großstadtmenschen der Moderne, in der Songpoesie Bob Dylans zum Schutzpatron der Popularkultur. Die neuen Medien der Neuzeit variieren den “göttlichen Dulder” als Leitgestalt. Exemplarisch zeigen das im 17. Jahrhundert Monteverdis Oper Il ritorno d”Ulisse in patria (1640) und in der (Post-) Moderne Filme wie Duccio Tessaris actionreicher Italowestern Il ritorno di Ringo (1965) und die Südstaaten-Komödie Oh Brother, Where Art Thou? der Coen-Brüder (2000).