Eröffnungsrede zur Verleihung der Akademiepreise 2017 (Staatstheater Darmstadt, 28. Oktober 2017)

Eröffnungsrede
zur Verleihung der Akademiepreise 2017
(Staatstheater Darmstadt, 28. Oktober 2017)

Verehrte Damen und Herren,
herzlich begrüße ich Oberbürgermeister Jochen Partsch, die Landtagsabgeordneten, die Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung, die Mitglieder des Kuratoriums und den Intendanten Karsten Wiegand. Ich begrüße den Merck-Preisträger Jens Bisky und seinen Laudator Steffen Martus, die Freud-Preisträgerin Barbara Stollberg-Rilinger und ihren Laudator Jürgen Kaube, den Büchner-Preisträger Jan Wagner mit seinem Laudator Aris Fioretos. Und ich begrüße Sie alle, liebe Mitglieder, Gäste und Freunde der Akademie.
Meine Damen und Herren: Erlauben Sie, dass ich heute mit einer Druckfehlerberichtigung beginne: Im Programm zu dieser Veranstaltung ist zu lesen, dass die Eröffnungsansprache – diese hier – vom „Präsidenten der Akademie“ gehalten werde. Das ist unwahr. Seit gestern Morgen ist der Berliner Literaturwissenschaftler und Kritiker Ernst Osterkamp der Inhaber dieses Amtes, und hat mir, als dem Altpräsidenten, freundlicherweise für heute noch einmal das Wort überlassen. Verehrter Herr Präsident, im Namen der Akademie möchte ich Ihnen für Ihre Bereitschaft, dieses Amt zu übernehmen, danken und Ihnen von Herzen Glück in und mit diesem Amt wünschen.
Die Gelegenheit einer letzten präsidialen Ansprache möchte ich nutzen, noch einmal (und in aller Kürze) auf zwei Fragen zu antworten, die mir in diesem Amt immer wieder gestellt wor-den sind. Sie betreffen zwei Stich- und Schlagworte. Das eine heißt „Normen“, das andere „Politik“.
Bei einem Kolloquium anlässlich der Vorstellung des französischen Gastlandes bei der Buch-messe bin ich tatsächlich doch noch einmal der Ersten Sekretärin der Académie Française be-gegnet. Und so lebhaft und belebend Madame Carrère d’Encausse auch sprach, so tief emp-fand ich die Tatsache, dass aus diesen lebhaften Augen doch vier Jahrhunderte auf mich her-abblickten. Aber so weit die Jahre 1635 und 1949 auch auseinanderliegen, so sehr die beiden Einrichtungen, ihre Geltungsansprüche und notabene ihre Geltung sich auch unterscheiden – einig sind wir uns jedenfalls darin, dass es zu den Aufgaben von Sprach- und Literatur-Akademien gehört, nach bestem Wissen und Gewissen zur Klärung von Normen beizutragen, oder vorsichtiger: Maßstäbe sichtbar zu machen.
Die Deutsche Akademie tut das, wie Sie wissen, nicht durch Wörterlisten und Kanonvorga-ben, auch wenn manche Kritiker ihr das immer wieder nahelegen. Aber sie tut es doch auf ihre Weise: indem sie durch die fünf Preise, von denen heute drei vergeben werden und zwei wei-tere während unserer Frühjahrstagung vergeben wurden, hervorhebt, was sie vorbildlich und im Wortsinne maßgebend findet – in literarischen Übersetzungen, in Essay und Kritik, in Wis-senschaftssprache und Dichtung –, indem sie aus der Poesie der Gegenwart – der deutschen und der ins Deutsche übertragenen – in ihrer seit einigen Jahren vergebenen Lyrik-Empfehlungslisten vorstellt, was ihr und ihren Partnereinrichtungen besonders lesenswert er-scheint, und indem sie schließlich der gegenwärtigen deutschen Sprache den linguistisch po-lierten Spiegel vorhält. Nach dem großen, uns überraschenden Erfolg des ersten Berichts zur Lage der deutschen Sprache, erschienen 2013, ist soeben, wieder in Zusammenarbeit mit der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, der zweite Bericht erschienen. Diesmal geht es um Varietäten des Deutschen von der Jugendsprache über die Sprache in den sozialen Medien bis zum Deutsch von Migranten. Es geht also um eine möglichst genaue, möglichst differenzierte und möglichst gut lesbare Darstellung dessen, was in unserer Sprache der Fall ist, um die Beobachtung und Klärung derjenigen Normen, die sich in deren lebendigem Ge-brauch tatsächlich entwickeln und wandeln. Und was für ein erfreulicher Anblick ist es, wenn beispielsweise aus „to download“ über den grammatisch bereits eindeutschenden Zwitter „downloaden“ („ich habe das downgeloadet“) das „herunterladen“ wird, ganz von selbst und ohne Steuerungsversuche einer Akademie, die es sich freilich nicht nehmen lässt, diesen Vor-gang als einen exemplarischen zu analysieren und ins Licht öffentlicher Aufmerksamkeit zu heben.
Vorschriften will und kann diese Akademie schon deshalb nicht erlassen, weil sie in sich selbst eine Vielfalt der Sprechweisen pflegt, die eine Einstimmigkeit nicht erlauben und Mehrheitsentscheidungen als mit der Würde der Individuen unvereinbar auffassen würde – so unvereinbar wie eigentlich schon die Idee ästhetischer Vorschriften und Regelpoetiken über-haupt. Erst recht gilt das für die politischen Stellungnahmen, die uns in regelmäßigen Abstän-den abverlangt werden und die wir mit derselben Beharrlichkeit verweigern. Mit einer aller-dings entscheidenden Ausnahme: Wo wir ebendiese Freiheit und Vielstimmigkeit gefährdet, die Freiheit der Rede in Wort und Schrift, diese Grundbedingungen einer offenen Gesell-schaft bedroht sehen, da werden wir politisch, weil wir es hier ja genaugenommen immer schon sind. Eben weil wir eine Gemeinschaft aus lauter eigensinnigen Individuen bilden, ver-teidigen wir, wo immer es uns möglich ist, die Freiheit des Individualismus. Eben weil uns das freie Gespräch über mögliche oder unmögliche Normen so lebenswichtig ist, bleibt unsere wichtigste Norm die Ermöglichung des freien Gesprächs. Sie hat uns zweimal nach Budapest geführt, als unsere ungarischen Mitglieder und unsere Freunde im unabhängigen ungarischen Schriftstellerverband sich Repressionen der Orbán-Regierung ausgesetzt sahen und uns um Unterstützung baten, und zu Besuchen bei unseren Schwester-Organisationen in Minsk und Charkiv, in Belgrad und Narva. Wir haben gesehen, wie in Petersburg unter schwierigsten Bedingungen die Regeln des öffentlichen Diskurses bestritten und behauptet werden; und in Słubice und Frankfurt an der Oder haben wir gelernt, teilnehmend gelernt, wie Deutsche und Polen zu einer ganz buchstäblich grenzüberschreitenden Gemeinschaft finden.
Es ist ein Netzwerk unterschiedlicher Beziehungen, das sich in den letzten Jahren ausge-spannt hat zwischen diesen und anderen Orten auf der literarischen Landkarte Europas, und ich bin allen dankbar, die uns dabei geholfen und ermutigt haben. Die Akademie wird dieses Netz auch künftig zu festigen und zu erweitern versuchen, in alle Himmelsrichtungen – mit der kommenden Frühjahrstagung etwa im spanischen Salamanca.
Meine Damen und Herren: Da ich eben von der Begegnung mit der Vorsitzenden der Académie Française ausgegangen bin, möchte ich auch hier mit einer persönlichen Erfahrung schließen, die ich ihr mitgeteilt habe. Es geht, gewissermaßen, um mein schönstes Ferienerleb-nis, und ich möchte es hier zum Schluss auch Ihnen erzählen, weil es von Sprachnormen und Sprachenvielfalt handelt. Also, der Tiefpunkt war das Navigationsgerät. Stellen Sie sich vor: Vier deutsche Germanisten und Schriftsteller fahren im gemieteten Kleinwagen von Vence über Saint Paul nach Nizza. Man bewundert die Architektur der alten Dörfer und Städte, die herrlichen Ausblicke von den Bergen aufs Meer, man ist entzückt über die Fresken Chagalls und die Kirchenfenster von Matisse. Einer der vier, der Mieter des Wagens, hat klugerweise daran gedacht, aus Deutschland sein eigenes Navigationsgerät mitzubringen, damit man sich auf den verschlungenen Landstraßen nicht verfährt. So ertönt während der Fahrt aus dem Lautsprecher immer wieder die freundliche Frauenstimme, die ihre gewohnten Anweisungen gibt. Nur – was sagt sie da eigentlich? „An der nächsten Kreuzung abbiegen in die Avenuë dess Állpess“, sagt sie. „Nach einem Kilometer nach rechts in die Ruë Hennrie Ma-tis-se, Richtung Wenze.“ Kein Zweifel, unsere deutsche Navigationsdame, die freundliche Stimme aus dem Weltall, kann kein Französisch. Sie weiß offenkundig noch nicht einmal, weil kein Mensch es ihr einprogrammiert hat, dass diese Sprache überhaupt existiert. Sie weiß davon so wenig wie von, mit ihren Worten, Mar-sei-le und Seint Trópp-etz. Für diese Stimme gibt es kein Frankreich.
Also, das ließe sich folgern, gibt es in ihrem für deutsche Autobahnen gemachten Programm einfach keine Fremdsprache? Weit gefehlt. Als wir uns der Hauptstadt nahen, sagt die Stimme tatsächlich (ich habe es nicht erfunden): „Nach acht Kilometern erreichen sie Nais.“ Das erst ist der Tiefpunkt unter dem Tiefpunkt: dass sie dieses eine Mal wirklich den französischen Ortsnamen statt des deutschen sagen will und dass sie ihn für einen englischen hält. „Nizza“, das heißt auf Fremd nicht „Nice“, sondern nice.
Wir haben viel gelacht über diesen unfreiwilligen running gag, der sich jeden Nachmittag zuverlässig wiederholte. Aber wir haben uns auch regelmäßig verfahren. In Richtung auf „Kepp Déntipps“ sind wir einfach deshalb nicht abgebogen, weil wir darin nicht das „Cap d‘Antibes“ erkannten, zu dem es uns zog. Lange haben wir am Nutzen des Englischen als ei-ner lingua franca nicht mehr so gezweifelt wie während dieser Kunstreise.
Was also sollte eine Akademie aus dieser Erfahrung lernen? Erstens, dass das Leben ohne sprachliche Normen sehr unübersichtlich werden kann. Und zweitens, dass wir mit dem reins-ten Deutsch und mit dem weltläufigsten Englisch nicht auskommen, wenn wir unsere Nach-barn nicht kennen und wenn wir unsere Neugier vergessen – unsere Neugier auf die Vielstim-migkeit Europas. Und damit wünsche ich uns allen einen schönen Nachmittag, une belle soirée and a nice evening!