Zwischen Aretha und Alkmene. Ansprache zur Eröffnung der Poetica 3 (2017) in Köln:

Die Seele und ihre Sprachen

Schiller formulierte zuerst das Problem, im Musenalmanach auf das Jahr 1797. „Spricht die Seele“, hatte er in den Tabulae votivae geklagt, „so spricht, ach, die Seele nicht mehr.“ Das ließ sich der Dichterphilosoph nicht zweimal sagen, der zwei Generationen später die Kunst als „die eigentlich metaphysische Thätigkeit dieses Lebens“ beschwor und mit der Kunst vor allem die Musik Richard Wagners meinte. Aber wie, so kommentierte Nietzsche später selbstkritisch seine Geburt der Tragödie, hatte er damals nur den performativen Widerspruch dieser Sätze übersehen können? Über die Musik als metaphysische Tätigkeit in philosophischer Prosa zu räsonnieren – welch ein Widersinn! Denn spricht die Musik, so spricht, ach, die Musik nicht mehr. Also tadelt Nietzsche sich selbst mit einem Satz, der so berühmt geworden ist, dass ihn Stefan George dann ans Ende seines lyrischen Nietzsche-Epitaphs setzte: „Sie hätte singen sollen, diese ‚neue Seele‘ – und nicht reden!“ So Nietzsche; und so George mit ihm und gegen ihn. Was aber meint Nietzsche mit dem Gesang der Seele? Der selten mitzitierte folgende Satz seiner Vorrede sagt es: in dem Bedauern, „dass ich, was ich damals zu sagen hatte, es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich hätte es vielleicht gekonnt!“ Schrieb’s und machte sich an die Lieder des Prinzen Vogelfrei.
Dass die Poesie derjenige Modus sei, in dem die Sprache singen könne: das muss man den Machern und Gästen der Kölner Poetica nicht zweimal sagen. Blue Notes hieß die letzte Poetica, die hier vor genau einem Jahr, im Januar 2016, eröffnet wurde, arrangiert und komponiert von Aleš Steger. Um blaue Stunden, blaue Blumen und um die Melancholie ging es. Um die Poesie und um den Blues.
Darum muss hier, wenn es nun im Januar 2017 unter dem Dirigat von Monika Rinck um die Poesie und die Seele gehen soll, unbedingt auch das Wort Soul fallen; vom Blues zum Soul: das ist der Gang der Poetica in diesen zwei Jahren. Denn mindestens dann, wenn die Seele in amerikanischem Englisch singt, ist ihr Sound die Soul Music. Niemand unter den amerikanischen Dichtern hat daran so früh, so beharrlich und so emphatisch erinnert wie der gegenwärtige Literatur-Nobelpreisträger. Unter den über hundert Figuren, die in Bob Dylans wundersamem und noch immer unbekanntem Prosawerk Tarantel aus dem Jahr 1966 auftreten, tritt eine einzige immer wieder auf. Eigentlich tritt sie weniger auf, als dass sie beschworen wird, angerufen wie eine zugleich ferne und nahe Gestalt, mit deren Name sich die Hoffnung auf eine neue, andere Sprache verbindet. Mit dem Ausruf „aretha / crystal jukebox queen of hymn“ beginnt der Text: „aretha / kristallene jukebox-königin der hymne … sei gegrüßt oh großer einziger el-dorado-taumel & du großer geschundener persönlicher gott doch sie kann dich nicht führen wenn du ihr folgen willst, sie kann nicht sie ist von hinten unsichtbar sie kann nicht“.
Nein, die aretha dieser und vieler folgender Anrufungen ist mit der Soul-Sängerin Aretha Franklin nicht einfach zu identifizieren. Aber sie weist doch einige auffallende Ähnlichkeiten mit ihr auf. Ein Jahr jünger als Dylan, wurde die 1942 geborene Aretha Franklin 1960 wie er von John Hammond für Columbia Records entdeckt. Und wie der junge Dylan selbst, so erscheint auch die „aretha“ seines Textes in unterschiedlichsten Identitätszuschreibungen, getreu dem Satz „When asked to give your real name, never give it“:

aretha – known in gallup as number 69 – in
wheeling as the cat’s in heat – in Pittsburgh
as number 5 – in bronwsville as the left
road, the lonesome sound – in atlanta as
don’t dance, listen – in bowling green as
oh no, no, not again – she’s known as horse
chick up in cheyenne – in new york city she’s
known as just plain aretha… i shall play
her as my trump card

Wie für Dylan selbst, so ist auch für die aretha seines Textes die Musik das eine Medium, in dem sich der wirkliche und geheime Name sagen lässt, der des Ich und der des Heiligen. Arethas Soul Music ist für Dylan die letzte und eigentliche metaphysische Tätigkeit; alle Anstrengung seiner Poesie führt nur hin zu dieser wortlosen Sprache. Mit einem Wort: Aretha ist Bob Dylans Wagner.
Der Weg, der Seele und Gesang, Musik und Poesie verbindet, er lässt sich allerdings auch in umgekehrter Richtung beschreiten– das zeigt Dylans Text, der eben ein langes, poetisches Prosa-Buch geworden ist und gerade kein Song. Seine Dichtung führt diesmal hinein in eine Poesie, die auf der Schwelle zur Musik inne- und eine schöne, heikle Balance hält. „aretha – golden sweet“, sagt in einem späteren Abschnitt der Sprecher der Seele zur Sängerin des Soul, „your lucky tongue shall not decay me“. Einen Gedichtzyklus hat der frühe Bob Dylan überschrieben mit den Worten Some Other Kinds of Songs.
Und so kann es klingen, wenn die Poesie in den Song übergeht; ich gebe Ihnen nur ein einziges kurzes Beispiel, einen Soundbite aus dem zweiten Kapitel, dessen Anfang einen aforamerikanischen Folksong aufnimmt und verwandelt in einen Soul-Rap, einen Song über das geschlagene, geschlachtete Lamm:

back betty, black bready blam de lam! bloody had a baby blam de lam! hire the handicapped blam de lam! put him on the wheel blam de lam! burn him in the coffee blam de lam! […] back betty, big bready blam de lam! betty had a milkman, blam de lam! sent him to the chain gang blam de lam! fixed him up a navel blam de lam (hold that tit while I git i. Hold it right there while I hit it… blam!) […] black betty, black betty blam de lam! […] all going quack quack… blam de lam! all going quack quack. blam!

Es kann auch ganz anders klingen, wenn Dylans Poesie in den Song und der Song in die Poesie übergeht. Das zeigt mein zweiter und letzter Szenenwechsel, neun Jahre später. In Tangled up in Blue entdeckt der Sänger 1975 die Geschichte seiner eigenen Liebesverwirrung bestürzt bei Petrarca oder Dante wieder – und zwar in einem Band, den ihm seine amerikanischen Laura oder Beatrice in die Hand drückt, in einem Café im Rotlichtviertel:

Then she opened up a book of poems
And handed it to me
Written by an Italian poet
From the thirteenth century
And every one of them words rang true
And glowed like burnin’ coal
Pourin’ off of every page
Like it was written in my soul from me to you
Tangled up in blue

In unsere Seelen geschrieben sind die Verse der italienischen Renaissance, und im Sound des soul – weil sie aus dem Blues kommen, den auch Petrarca und Dante hatten.
Meine Damen und Herren: Wenn Aretha Dylans Wagner war, so ist diese wiederkehrende Formel des Tangled up in blue so etwas wie seine Variante von Alkmenes letztem Seufzer. Denn nicht wahr: Schillers „Ach“ und das „Ach“ der Alkmene, die verhauchende Silbe am Ende von Kleists Amphitryon – diese beiden Seufzer wurden ja fast gleichzeitig ausgestoßen. Nur dass der erste, der Schillersche, eine rhetorische Figur war, der andere, Kleistsche, aber zu einem winzigen Stückchen Musik wird. Die Seele, die bei Schiller, ach!, verstummen muss, kommt mit Alkmenes Ach! erst zu Wort: als der erste Takt einer jetzt, nach dem Ende der Wörter, anhebende soul music. Für mich stehen Aretha und Alkmene darum Hand in Hand als zwei Schutzengel dieser Poetica, von der ich hoffe, dass all ihre Sätze gesagt sein mögen like they were written in our souls, from me to you.